"Was ist ein Tarif, wie geht Solidarität?"

Anke Grotlüschen hat viele Jahre zum Thema Alphabetisierung und Grundbildung geforscht. Sie ist Professorin für lebenslanges Lernen an der Universität Hamburg und leitete mit Dr. Wibke Riekman die Durchführung der „leo. – Level-One Studie“. Sie fasst die Dinge folgendermaßen zusammen:

„Funktionaler Analphabetismus liegt vor, wenn jemand kurze Texte nicht sinnentnehmend lesen kann und auch keine kürzeren Mitteilungen zu Papier bringen kann. Alphabetisierung ist hingegen die Bemühung, dem abzuhelfen.  Dazu wird von E-Learning bis Mentoring, von Unterricht bis Einzelcoaching ein breites Set an Varianten angeboten. Während es in der Alphabetisierung um Lesen, Schreiben und Rechnen geht, zielt der Begriff Grundbildung zunächst auf ein breiteres Themenspektrum. Dazu gehören viele grundlegende Themen, z. B. das Wissen um Tarife und Gewerkschaften, Englisch als Fremdsprache, Internetgrundkenntnisse. Da die Betroffenen besonders oft in geringqualifizierter oder prekärer Beschäftigung stecken, ist hier die arbeitsmarktpolitische Grundbildung höchst angebracht. Was ist ein Tarif, wie ist das mit dem Mindestlohn, was passiert gerade mit den Werkverträgen auf dem Bau, wie geht Solidarität, wenn jeder gegen jeden konkurriert?“

(Quelle: DGB Bildungswerk e.V. (Hrsg.) (2014): Handreichung Alphabetisierung und Grundbildung – ein Thema für Betriebsräte. Erstellt im Rahmen des Projektes MENTO und gefördert durch das BMBF, S. 6.)

Einen weiteren Überblick geben die folgenden Definitionen:

Funktionaler Analphabetismus

„Von funktionalem Analphabetismus wird bei Unterschreiten der Textebene gesprochen, d.h., dass eine Person zwar einzelne Sätze lesen oder schreiben kann, nicht jedoch zusammenhängende, auch kürzere, Texte. Betroffene Personen sind aufgrund ihrer begrenzten schriftsprachlichen Kompetenzen nicht in der Lage, am gesellschaftlichen Leben in angemessener Form teilzuhaben. So misslingt etwa auch bei einfachen Beschäftigungen das Lesen schriftlicher Arbeitsanweisungen.“

 

(Quelle: Grotlüschen, Anke; Riekmann, Wibke (2011): leo. - Level-One Studie. Presseheft. Universität Hamburg, S. 2.)

Grundbildung

„Da die Anforderungen der Arbeitswelt steigen und sogenannte ,einfache Tätigkeiten’ stetig abnehmen bzw. auch hierbei höhere Anforderungen gestellt werden, brauchen alle Erwachsenen ein Mindestmaß an Lese- und Schreibfertigkeiten (Literacy) verbunden mit einer ausreichenden Grundbildung. Der Begriff Grundbildung bezeichnet hier Kompetenzen in den Grunddimensionen kultureller und gesellschaftlicher Teilhabe, wie: Rechenfähigkeit (Numeracy), Grundfähigkeiten im IT-Bereich (Computer Literacy), Gesundheitsbildung (Health Literacy), Finanzielle Grundbildung (Financial Literacy), Soziale Grundkompetenzen (Social Literacy). Grundbildung orientiert sich somit an der Anwendungspraxis von Schriftsprachlichkeit im beruflichen und gesellschaftlichen Alltag.“

(Quelle: Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF)/Kultusministerkonferenz (KMK)(Hrsg.) (2012): Vereinbarung über eine gemeinsame nationale Strategie für Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener in Deutschland 2012-2016, S. 1.)