Der K(r)ampf mit der Schrift

Der 8. September steht alljährlich ganz im Zeichen der Schrift. Am Weltalphabetisierungstag, wird daran erinnert, dass weltweit rund ein Fünftel der erwachsenen Menschen weder lesen noch schreiben kann. Mangelnde Bildung gilt als eines der größten Hindernisse gesellschaftlicher Entwicklung. Besonders betroffen sind arme und bevölkerungsreiche Länder. Wer mag da glauben, dass das Problem auch in Deutschland, im Land der Dichter und Denker anzutreffen ist?

Einer Studie aus dem Jahr 2011 zufolge gelten jedoch etwa 7,5 Millionen Menschen zwischen 18 und 64 Jahren in Deutschland als funktionale Analphabeten. Diese Personen haben zwar die Schule besucht, können jedoch nicht in dem Maße Lesen und Schreiben, wie es in unserer heutigen Zeit von der Gesellschaft als normal empfunden wird. Manche von ihnen können einzelne Buchstaben erkennen und nachmalen, andere können einzelne Wörter entziffern oder zu Papier bringen. Wiederum andere kommen mit kurzen einfachen Sätzen lesend und schreibend zurecht, nicht jedoch mit einfachen und kurzen Texten. Erwachsene, die sehr schlecht oder kaum lesen und schreiben können, haben teilweise genau diese Techniken nach der Schule vermieden. So verblasste ihr ohnehin spärliches Wissen und sie wurden immer unsicherer. Rudimentäre Lese- und Schreibkenntnisse sind es, die funktionalen Analphabeten ein eigenverantwortliches Leben verwehren. Betroffene stoßen tagtäglich an ihre Grenzen: Sie sind nicht in der Lage Busfahrpläne zu lesen, ihren Kindern Gute-Nacht-Geschichten vorzulesen, einen Umtausch im Geschäft zu veranlassen oder ein Formular auszufüllen. Funktionale Analphabeten gibt es in allen Altersgruppen, unter Frauen und Männern, bei Berufstätigen und Arbeitslosen.

Zwar gab es schon jeher Menschen mit sehr geringen Lese- und Schreibkenntnissen, nur war das früher weniger problematisch: Es gab auch für diese Leute eine Arbeit. In der hoch technisierten und zunehmend multimedial ausgerichteten Dienstleistungsgesellschaft hingegen, ist es fast unmöglich, ohne ausreichende Lese- und Schreibkompetenzen im Berufsleben zu bestehen. Erstaunlich sind da jedoch die Zahlen der leo.-Studie, wonach 59% der 7,5 Mio. funktionalen Analphabeten erwerbstätig sind. Sie üben oft Berufe aus, in denen sie bislang wenig mit schriftlicher Kommunikation zu tun hatten. Betroffene kommen dann ins Straucheln, sobald Veränderungen am Arbeitsplatz entstehen. Fehler und Unfälle sind dann vorprogrammiert. Hinzu kommt, dass veränderte Anforderungen an Einfacharbeitsplätze zunehmend auch die Weiterbildung geringqualifizierter Arbeitnehmer erfordern. In Berufen, in denen Schrift bislang keine Rolle spielte, müssen heutzutage Bestell- und Checklisten ausgefüllt oder Bestände in den PC übertragen werden.

Die Notwendigkeit eines lebenslangen Lernens ist inzwischen unbestritten. Dazu gehört auch der nachträgliche Erwerb von Schriftsprachkompetenz. Alphabetisierungskurse für Erwachsene können Betroffenen helfen und werden dennoch nur wenig in Anspruch genommen. Nur rund 20.000, das ist weniger als 1% der 7,5 Millionen Analphabeten nehmen an Kursen teil. Gründe sind aus Sicht von Experten vor allem ein fehlendes flächendeckendes Angebot sowie Kosten der Schulungen. Obendrein ist das Lernen langwierig: Für eine berufstaugliche Lese- und Schreibbildung empfiehlt der Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung in Münster 1.200 Unterrichtsstunden. Bei sechs Stunden pro Woche kommen so vier Jahre zusammen. In der Regel sind die Kurse jedoch auf weniger als vier Unterrichtsstunden pro Woche ausgerichtet, was die Lerndauer wesentlich verlängert.
Auf eine weitere, wenngleich wesentliche Hemmschwelle haben alle Initiativen nur wenig Einfluss: die Scham vieler Analphabeten. Sie müssen sich noch einmal mit demselben Gegenstand beschäftigen, an dem sie in der Schule gescheitert sind und Schiffbruch erlitten haben. Eines der größten Probleme ist daher, an die Betroffenen heranzukommen. Und doch lohnt es sich für eine aktive Teilhabe am sozialen gesellschaftlichen Leben, noch einmal Lesen und Schreiben zu lernen.

Manche Betroffene haben irgendwann in ihrem Leben einen Wendepunkt oder ein Schlüsselerlebnis, an welchem sie sich aus eigenen Stücken noch einmal auf den Weg zur Schrift begeben. Das kann die Trennung vom Partner sein, der bislang den ganzen Schriftkram erledigte oder ein Kind, das in den Kindergarten kommt oder eingeschult wird. Manche Betroffene brauchen aber auch die ermutigende und motivierende Ansprache. Ziel des Weltalphabetisierungstages ist es daher auch, das Thema noch stärker als bislang in den öffentlichen Blick zu nehmen und Vertrauenspersonen von Betroffenen zu sensibilisieren. Wer einen funktionalen Analphabeten im Familien- oder Freundeskreis kennt oder vermutet, sollte sich behutsam vortasten. Direkte Konfrontation im Sinne von „Kannst du etwa nicht lesen!?“ ist daher nicht zielführend. Besser ist, eine Situation abzuwarten, in der um Hilfe gebeten wird. Vertrauenspersonen können dann vorsichtig nachfragen, ob es sein kann, dass der andere Probleme mit dem Lesen und Schreiben hat. Gut ist es, wenn den Betroffenen dann eine Perspektive aufgezeigt werden kann.

Wer sich zum Thema Analphabetismus informieren möchte oder als Betroffener Beratung sucht, findet Unterstützung beim Landesnetzwerk Alphabetisierung und Grundbildung Sachsen-Anhalt, www.alpha-netz-lsa.de oder dem ALFA-Telefon. An der kostenfreien Hotline des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung (Tel.: 0800/53334455) gibt es Informationen über Lese- und Schreibkurse im gesamten Bundesgebiet. Auskünfte im Internet finden sich unter www.grundbildung.de und auf dem Lernportal www.ich-will-lernen.de. Dort gibt es unter anderem mehr als 31000 kostenlose Übungen zur Alphabetisierung und Grundbildung.

V.i.S.d.P.
Dr. Reinhild Hugenroth, Leiterin der Landesnetzwerkstelle Alphabetisierung und Grundbildung

 

 

Zur weiteren Information:

Der Weltalphabetisierungstag wurde von der UNESCO im Anschluss an die Weltkonferenz zur Beseitigung des Analphabetentums im September 1965 in Teheran ins Leben gerufen und am 8. September 1966 erstmals begangen.
Die von den Vereinten Nationen im Zeitraum von 2003 bis 2012 ausgerufene „Weltdekade der Alphabetisierung“ rückte das Thema in den Fokus der Öffentlichkeit mit dem Ziel bis Ende 2012 funktionalen Analphabetismus bei Erwachsenen weltweit um 50% zu reduzieren. Dieses ambitionierte Ziel ist nur bedingt gelungen. Aus diesem Grund ist eine weitere öffentlichkeitswirksame Beschäftigung mit der Thematik dringend notwendig. Das Land Sachsen-Anhalt unterstützt Einrichtungen der Erwachsenenbildung, indem im Zeitraum 2015 bis 2020 sieben Mio. Euro aus dem Europäischen Sozialfonds zur Verfügung stehen. Bislang werden und wurden bereits 21 Projekte zur Alphabetisierungsarbeit im Land gefördert.

"Gedanken zum Weltalphabetisierungstag am 08.09.2018" 0 Kommentare

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